Montag, 14. Mai 2012 | Internetzeitung
 

«Integration und Religion»

Die Kolumne von Dr. Abdel-Hafiez Massud

Warum Deutschland auf die Islamwissenschaft heute verzichten kann

Die Einführung der islamischen Theologie an deutschen Universitäten sowie die neue islamische Wirklichkeit in Deutschland erlauben der Islamwissenschaft keine weitere Existenz.

Berlin (24PR-am). Mit der Entscheidung der Bundesministerin für Forschung und Bildung am 14. Oktober 2010 herrscht unter Islamwissenschaftlern in Deutschland eine regelrechte existentielle Verunsicherung.

Die großen Fragen der alten Islamwissenschaften heute lauten: sind wir noch brauchbar? Gibt es eine Chance, unsere Existenz und unseren Fortbestand im Zeitalter knapper Kassen aus dem Diskurs der Integration heraus zu rechtfertigen? Werden so viele Ämter und lukrative Jobs, wie bisher, auf unsere Absolventen warten? Wie können wir uns als traditionelle Wortführer bei der Vermittlung des Islambildes behaupten, wo doch neue ernstzunehmende unbestechliche Gelehrtenstimmen hinzukommen und dieses Feld für sich beanspruchen werden? Islamwissenschaftlerinnen und Islamwissenschaftler fragen sich heute wie noch nie zuvor: Wer sind wir? Was haben wir bislang gemacht?

Die letzte trickreiche Linie der Selbstverteidigung lautet: die traditionelle Islamwissenschaft sei kritisch und daher habe sie allein den Anspruch auf das Attribut „Wissenschaft“ und als solche stehe sie allen offen und daher trage sie zur Integration in Deutschland bei. Das Umgekehrte soll somit nach Fasson dieser Linie stimmen: die islamische Theologie werde nicht kritisch sein, von den Religionsgemeinschaften abhängig bleiben und nur für Muslime offen sein. Die islamische Theologie sei daher kontraproduktiv und dividiere statt zu integrieren.

Ein fairer Wissenschaftler kann manche Verdienste der Islamwissenschaftler bzw. der sogenannten Orientalisten nicht leugnen. Keiner hat sich so sehr für den Frieden und die Versöhnung mit dem Islam eingesetzt wie die selige Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel. Sie steht für das konstruktive Beispiel eines fairen Islamwissenschaftlers. Deshalb war sie eine gerne gesehene Begleiterin des Ex-Bundespräsidenten Herzog bei Auslandsreisen. Sie war Botschafterin für deutsche Interessen.

Die aggressive Kampagne gegen sie aus der Mitte der Gesellschaft heraus aber, als sie den Buchhandelspreis erhalten hatte, machte deutlich: ein solches Muster eines Islamwissenschaftlers ist völlig unerwünscht.

Auch Gudrun Krämer, die Islamwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin, die sich für realistische Annäherung an den Islam einsetzt, wurde allein deswegen oft als Antisemitin beschimpft.

Ein fairer Wissenschaftler kann auch nicht leugnen, wie viele wunderbare fundierte wissenschaftliche Werke die Islamwissenschaftler und die Orientalisten hervorgebracht und wie viele Impulse sie für die Akademien des Islams in der islamischen Welt gegeben haben. Durch die Islamwissenschaft des Westens hat sich auch die Diskursfähigkeit der islamischen Theologen in der islamischen Welt erheblich gesteigert.

Dennoch hatten Islamwissenschaftler und Orientalisten die primäre Aufgabe gehabt, die Kernländer des Islams bereichsübergreifend zu untersuchen und die gewonnen Erkenntnisse in den Dienst nationaler Interessen zu stellen. Deshalb gab es nicht nur deutsche Islamwissenschaft, sondern auch holländische, englische, polnische, amerikanische und russische. Der Islam und die Islamische Welt sollten nicht nur der hiesigen westlichen Öffentlichkeit und Institutionen näher gebracht werden, sondern auch neutralisiert werden. Denn der Islam und die islamische Welt wurden überwiegend zunächst als Gefahr und als den ganz Anderen behandelt. Schon der Begriff „Orientlist“ steht für eine messerscharfe Trennung und nicht für ein integratives Denken.

Natürlich kann man auch nicht bestreiten, dass auch die Islamwissenschaft einen Bildungsauftrag hat und hatte.

Nun hat sich alles geändert: Der Islam ist nicht mehr soweit geworden, sondern mitten unter uns in Deutschland. Nur einen Katzensprung ist die nächste Moschee-Gemeinde von uns entfernt. Muslime sind die Nachbarn im Haus, die Kollegen auf der Arbeit, die Kommilitonen an der Universität, die Mit-Mitglieder im Bundestag und in Landtagen, ja selbst Parteivorsitzende, Schwiegersöhne und Schwiegertöchter. Die Islamwissenschaft hat die Aufgabe, die Deutschen mit dem Islam vertraut zu machen, zwangsläufig verloren: den Islam näher bringen hieße heute Eulen nach Athen tragen. Auch das Zeitalter des Internets erlaubt heute jedem Bürger, sich selbständig jederzeit über Wichtiges und Banales der islamischen Länder Sekunde für Sekunde zu unterrichten. Mancher Bürger weiß daher mehr und umfassender als mancher Islamwissenschaftler, der weltabgewandt mit einer diachronen Studie sehr beschäftigt ist.

Und die staatlichen Interessen? Europäische Regierungen, die die Islamwissenschaft zur Pflege nationaler Interessen bislang unterhalten haben, wissen heute am besten, dass sie ohne weiteres auf die Islamwissenschaft und die Islamwissenschaftler zur Wahrnehmung von Interessen in dieser Region verzichten können. Die bilateralen und multilateralen Kooperationsbeziehungen sind derart weit gediehen, dass sich die europäischen Regierungen ohne die Islamwissenschaftler aus erster Hand unterrichten können.

Zudem seien die Fragen erlaubt:

Kann ein Islamwissenschaftler, der sich lebenslang in der Untersuchung der politischen Instrumentalisierung der Al-Haram-Moschee in Mekka durch wechselende politische Herrscher des Islams beschäftigt hat, dafür taugen, für einen der 1000 muslimischen Soldaten in der Bundeswehr Seelsorge zu leisten?

Kann ein Islamwissenschaftler, der sich nur, gerne auch kritisch, damit beschäftigt hat, ob der Prophet Mohammed gelebt hat oder nicht, dazu taugen, einem Muslim am Sterbebett in der Verwertung des Gedanken- und Handlungsgutes des Propheten Seelsorge zu leisten?

Kann sich ein Islamwissenschaftler wirklich leisten, einen Imam zu werden? Und Imam für wen?

Kann sich ein Islamwissenschaftler die Rolle vorstellen, zur Bezugsperson muslimischer Jugend in Deutschland zu werden? Und welche Jugend würde ihn akzeptieren?

Wo ist die muslimische Gemeinde in Deutschland, die darauf eingehen würde, dass ein Islamwissenschaftler ihren Kindern Religionsurkunde oder Sexualurkunde im Lichte islamischer Tradition erteilt?

Die negative Antwort auf solche Fragen ist auch die Antwort auf die Frage, ob für die Islamwissenschaft heute eine Daseinsberechtigung besteht.

Das bedeutet zwangsläufig: Islamwissenschaftler, wie wir sie in Deutschland bislang kennen, können fast nichts zur Integration beitragen.

Islamwissenschaftler können keine Macher der inneren Einheit der Muslime mit Deutschland werden.

Die bald mehr als 5 Millionen Muslime in Deutschland, Jung und Alt, Mann und Frau, brauchen daher unbedingt die vertrauensvolle Bezugsperson, die aus ihrer Sicht nicht ein Islamwissenschaftler sein kann.

Und weil es eine Bezugsperson geben kann, ist es auch wahrscheinlich, dass man diesen Teil der Bürger des Staates beeinflussen und deren Verhalten auch steuern kann. Diesen Einfluss ist über den Einsatz von Islamwissenschaftlern nicht zu erreichen. Die Islamwissenschaftler sind in den letzten Jahren zunehmend als „Islamexperten“ aufgetreten, die Muslime als Problem und den Islam als Ideologie darstellten. Deshalb kann es zumindest mittelfristig keine innere Einheit zwischen Islamwissenschaftlern und der Muslim-Community geben.

Daher ist die Einführung der islamischen Theologie an Universitäten kein Bonon an den Islam, sondern eine Handlung zur Durchsetzung nationaler Interessen.

Zudem bietet die Einführung der islamischen Theologie an der Universität, dass die Absolventen aus diesem Land kommen und für dieses Land arbeiten werden, die sie Heimat nennen. Dies gewährt eine gewisse Übersicht zur Bewahrung der Integrität des Staates. Bislang kamen Imame und Seelsorger aus derart unterschiedlichen Ländern und Kulturen, dass jeder mit einem anderen „Islamstil“ in Deutschland wirkte. Die Einführung der islamischen Theologie an Universitäten ist daher als notwendigen Ausdruck der politischen Handlung eines souveränen Staates zu erachten, der seine eigenen Geschicke in die Hand nehmen will. Insofern dient allein die islamische Theologie und nicht die Islamwissenschaft den deutschen Nationalinteressen.

Auch mit der islamischen Theologie entstehen dem Islam in Deutschland eigene Mittler und eigene Stimmen. Mit Autoren von Büchern wie „Grüß Gott, Herr Imam“ braucht die Öffentlichkeit keine aufklärenden Islamwissenschaftler mehr. Dieses vermeintliche Revier der Islamwissenschaftler hat daher fortan keine wirkliche Existenz.

Die Islamwissenschaft wurde aber auch nicht als eine vertiefte theologische Forschung, sondern als ein Querschnittsfach bewusst betrieben: ein bisschen Geschichte der islamischen Länder hier, ein bisschen Soziologie der islamischen Gesellschaften dort, ein bisschen Linguistik des Korantextes hier, ein bisschen islamische Philosophie dort.

Dieses mehrschichtige Querschnittsfach kann nun ohne Mühe und Verlust aufgelöst werden: Der historische Aspekt kann dem Studium der Geschichte, den soziologischen Aspekt der Soziologie, den politischen Aspekt der Politologie etc.. zugeschlagen werden. Deutschland wird nichts vermissen.

Den theologischen Teil kann nun von der islamischen Theologie ohne Mühe einverleibt werden. Auch ein Nicht-Muslim ist herzlich willkommen bzw. besonders eingeladen, die islamische Theologie zu studieren. Die islamische Theologie dividiert nicht, vielmehr lädt sie gerade alle dazu ein, zu lesen zu wissen. Der erste Vers im Koran, der offenbart wurde, beginnt unmissverständlich mit der Aufforderung: „Lies im Namen Deines Erhalters, des Schöpfers. Lies und die Gaben Deines Erhalters sind unübertrefflich!“.

Daher gilt für die Islamwissenschaftler, sich nach dem jeweiligen Schwerpunkt neu zuzuordnen und nötigenfalls sich umzuschulen. Die jetzigen und die angehenden Studenten der Islamwissenschaft müssen über den Stand der Dinge unumwunden unterrichtet werden.

Tags: Religionspolitik Islamwissenschaft Theologie des Islams innere Einheit Deutschlands Kultur Kolumne Islamwissenschaft Integration

 
 
 

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