«Integration und Religion»
Die Kolumne von Dr. Abdel-Hafiez Massud
Muslime und Weihnachten - Eine Chance für herzliche Integration?
Besonders emotional bewegende Anlässe bieten für Muslime und Christen in Deutschland die Chance für ein besseres Zusammenwachsen.
Berlin (24PR-am). Dürfen Muslime christlichen Mitbürgern anlässlich Weihnachten gratulieren? Die Frage geht herum in der muslimischen Community in Deutschland, sicherlich auch im Rest des deutschsprachigen Raums bzw. im Rest der Welt mit einer Mehrheit oder einer Minderheit an christlichen Gläubigen, selbst wenn sich Christen in der Regel bisher keine besonderen Gedanken darüber machten, Muslimen zu ihren religiösen Festen zu gratulieren. Muslime beschäftigen sich mit der Frage - trotz der düsteren Aussagen und Ergebnisse der Umfragen über den Islam in Deutschland. Denn Umfragen sind aus muslimischer Sicht unglaubwürdige demagogische Instrumente, mit denen bestimmte Macher ihre Sicht der Dinge unbedingt beweisen und Zusammenwachsendes spalten wollen.
Der Hintergrund der umtreibenden Frage ist einfach: Muslime und Christen verehren Jesus inbrünstig und zwar mit einem fundamentalen Unterschied: die Christen von heute haben sich das nicänische Glaubensbekenntnis zu eigen gemacht, das Kaiser Konstantin I 325 den Christen aus rein politischen Motiven zur Befriedigung seines Reichs aufzwang. Damals unterlagen die Arianer. Für die Arianer ist Jesus auf keinen Fall ein Sohn Gottes, denn Gott ist darüber und über jeder anderen Art von Abhängigkeit völlig erhaben. Der Lenker von Himmel und Erden könne auf keinen Fall weder zwei noch drei, sondern immer nur einer sein. Das nicänische Glaubensbekenntnis hingegen ist die von Staates wegen und mit Gewalt vorordnete Glaubensüberzeugung, woraus Gott aus drei Wesen bestünde. Nach 325 soll die christliche Führung das Dreifaltigkeitsdogma nicht mehr in Frage stellen. Dies hat bis heute mit wenigen Ausnahmen der innerkirchlichen Revolte gehalten.
Mit dem Dogma der Dreifaltigkeit wird sich gar kein Muslim anfreunden, nicht etwa aus ideologischen Gründen, nicht aus Gründen der Selbstbehauptung, sondern schlicht, weil er sich vom Dogma der Dreifaltigkeit nicht überzeugen kann. Das Dogma ist schlicht ein hochgradiges Rätsel, mit der sich die Logik des Menschenverstandes, auch die der Muslime, nicht anfreunden kann, da sich dieses Dogma mit dem Menschenverstand nicht durchdringen lässt. Auch weiß selbst der deutsche Volksmund, dass schon zwei Köche den Brei verderben würden, geschweige denn von dreien. Den christlichen Arianern fühlen sich alle Muslime aber voll verpflichtet und zwar ohne Einschränkung: Gott ist einer, IHM gleicht keiner; ER hat weder Kinder noch Weiber.
Da die Glaubensüberzeugung der Mehrheit der Christen heute dem mit der Reichsgewalt Konstantin I durchgesetzten Glaubensbekenntnis der Dreifaltigkeit entspricht, trennen sich die Wege der Glaubensüberzeugungen der Muslime und der Christen nach der Fasson Konstantin I.
Die Menschen bleiben einander gegenüber Menschen aber mit Glaubensdifferenzen.
Religiöse Feste sind geradezu der schrille Ausdruck von religiösen Identitäten. Deshalb ist es für den gläubigen Muslim nicht einfach, etwas zu unternehmen, was seine religiöse Identität relativieren oder als Relativierung gedeutet werden könnte.
Würde ein Muslim nun einem Christen zu Weihnachten gratulieren, ginge er womöglich ungewollt das Risiko ein, er unterstütze die Christen a la Konstantin I. in ihrer Glaubensvorstellung oder er sympathisiere gar mit dieser Vorstellung. Deshalb ist es eine besonders hohe emotionale Zumutung für einen Muslim, einem Christen zu Weihnachten zu gratulieren.
Passt eine solche Haltung aber zu den Vorgaben des Koran, des vorgelebten Vorbilds des Propheten Mohammed und der islamischen Rechtsmeinung?
Verbietet mir das Grundlagenkonzept des Islams jenem christlichen Arzt, der mich gewissenhaft behandelt, jener christlichen Erzieherin, die sich meiner Tochter liebevoll angenommen hat, jenem christlichen Professor, der meine wissenschaftliche Entwicklung herzlich betreut, jenem christlichen Bundeskanzler, der sich um mein Anliegen als Bürger bemüht, jenem christlichen Präsidenten, der auch mein Präsident ist, gute Wünsche anlässlich Weihnachten auszusprechen, ohne dass ich mein eigenes islamisches bzw. christlich arianisches Glaubensbekenntnis aufgebe oder in Frage stelle?
Verbietet mir der Islam dies zu tun gegenüber meinen eigenen Familienmitgliedern in einer Zeit, in der die Religionsvielfalt schon in der Familie beginnt und nicht erst in großen weiten anonymen Gesellschaft?
In der Sure 60, Vers 8 des Korans liegt die Schlüsselantwort, die an alle Muslime von Allah höchstpersönlich gerichtet ist: Allah verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht des Glaubens wegen bekämpft haben und euch nicht aus euren Häusern vertrieben haben, gütig zu sein und gerecht mit ihnen zu verfahren; wahrlich, Allah liebt die Gerechten.
In diesem Vers wird nicht nur das Verbot verneint, sondern das eindeutige Gebot zum einen mit den Worten hervorgehoben Allah liebt die Gerechten und zum anderen mit der Vokabel Güte, die bekanntlich deutlich mehr ist als die bloße Gerechtigkeit. Friedlichen fairen Nicht-Muslimen schulden die Muslime kraft des Wortes des fairen Allah automatisch erstens: Gerechtigkeit und dann Güte. Das gilt auch für die Christen der heutigen Zeit genauso wie für alle anderen Menschen, mit und ohne Glauben. Die Güte schuldet der Muslim kraft des Koran-Wortes noch nur einer einzigen weiteren Gruppe von Anspruchsberechtigten: den eigenen Eltern. Das ist aussagereich über den humanistischen Ansatz des Korans zur Versöhnung von Menschen, die alle in Allah ihren Schöpfer haben, abgesehen davon, ob sie alle dies anerkennen oder nicht.
Gehen wir davon aus, dass auch Christen Muslimen zu ihren Festen bewusst gratulieren und diese feine Form der gelebten Friedensarbeit ausüben. In diesem Fall würde ein weiteres Gebot des Korans zugunsten der Christen automatisch greifen. Muslime schulden den Christen vor Allah in diesem Fall die Erwiderung der Gratulationen bzw. die Erwiderung dieser Gratulationen mit Besser-Gratulationen. Im Vers 86 der Sure 4 lesen wir die Aufforderung an alle mündigen Muslime: Und wenn ihr mit einem Gruß gegrüßt werdet, so erwidert doch mit einem besseren Gruß oder wenigstens mit dem gleichen Gruß. Allah führt tatsächlich Rechenschaft über alles.
Auch ist der Muslim allgemein angehalten, allen Menschen gegenüber milde und in gutem Ton aufzutreten (Sure 2, Vers 83). Dazu gehört auch die Pflege des guten Tones mit der christlichen Umgebung.
Der Prophet Mohammed (Möge Allah ihm Heil, Frieden und die Fürsprache schenken!) fordert den Muslim bzw. die Muslimin in einer seiner überlieferten authentischen Aussage ebenfalls auf: Übe Ehrfurcht vor Allah überall dort, wo du bist! Lass der schlechten Handlung eine gute Handlung folgen, damit die letzte die erste löscht und verhalte dich gütig zu allen Menschen!. Auch ist es vom Propheten (Möge Allah ihm Heil, Frieden und die Fürsprache schenken!) überliefert, dass der Offenbarungsengel Gabriel dem Propheten und den Muslimen mit ihm die Güte zum Nachbarn, welcher Glaubenszugehörigkeit auch immer, so beharrlich, kategorisch und ständig empfahl, dass selbst der Prophet zuweilen auf die Vermutung kam, der Erzengel wolle womöglich jeden Nachbarn der Muslime schlicht beerben. Der Prophet Mohammed (Möge Allah ihm Heil, Frieden und die Fürsprache schenken!) hat daher als Vorbild für alle Muslime den sterbenskranken Sohn des jüdischen Nachbarn herzlich besucht. Der Sohn nahm im Beisein und mit Erlaubnis des Vaters die Einladung des Propheten zum Islam an, um kurz darauf den Geist aufzugeben und als Muslim zu sterben, der an Mohammed, Jesus und Moses als Propheten Gottes gleichermaßen glaubt.
Dies spricht für ein betont freundliches geschlossenes Protokoll-Konzept des Islams gegenüber allen Nicht-Muslimen in Freuden- und Trauerfällen gleichermaßen. Nur ein weiteres Beispiel dafür, was es heißt, dass der Islam die Barmherzigkeit für alle Menschen auf Erden anstrebt.
Die allermeisten Vertreter aller Rechtsschulen sind zudem der Auffassung, dass maßvollen ausgewogenen Fest-Gratulationen an Christen durch Muslime nichts im Wege steht, selbst wenn es für einen Muslim mit einigen verständlichen inneren Hemmschwellen verbunden ist.
Aufgrund der jetzigen aufgeheizten Atmosphäre in Deutschland, in der viele Brandstifter und Brandstifterinnen auf den Plan getreten sind, um auf jedes Feuer Öl zu gießen und selbst Feuer zu legen, Zwietracht zu säen und die innere Einheit einer zusammenwachsenden Bevölkerung in alle Winde zu schlagen, ist es dringlicher denn je, aufeinander zuzugehen und gemeinsame Feiern zu nützen, um zu deeskalieren und eine neue friedlich stabile Atmosphäre des Zusammenlebens zu finden. Jeder Muslim kann durch diese diese freundliche Geste mehr zur inneren Einheit in Deutschland beitragen.
Die Wahrheit über Gott und Seine Einsheit, die ist immer eine und kann niemals vielfältig sein, steht aber und wird nicht vom Zwischenmenschlichen beeinflusst. So steht es auch ungezwungenund zugleich selbstbeewusst im Koran an alle Nicht-Muslime : "Und entweder wir oder ihr haben die Rechtleitung oder liegen (mit der jeweiligen Gottes-Vorstellung) eindeutig falsch."
Christliche Mitbürgerinnen und Mitbürger können ihrerseits dazu beitragen, in dem sie jede freundliche Geste seitens der Muslime dankbar annehmen, als sehr kostbar schätzen und sich anlässlich der Weihnachten z. B. über die vielen wunderschönen und wahren Szenen der Geburt Jesus im Koran unterrichten, ihren Kindern unter dem Weihnachsbaum entsprechende Koranverse über Jesus und Maria vorlesen, von der Güte des muslimischen Nachbarn erzählen bzw. sich auf die Arianer und das ursprüngliche Konzept des Christentums zurückbesinnen.
Ein gangbarer Weg der Hoffnung ist immer da. Wir, Muslime und Nicht-Muslime, müssen ihn nur wirklich gemeinsam wollen!
Tags: Weihnachten Jesus Koran Islam Integration Prophet Mohammed Politik Kolumne Islam Integration
- Der Inhalt namentlich oder durch Kürzel gezeichneter Beiträge gibt die Meinung des Verfassers wider, nicht die der Redaktion. -




