Sonntag, 13. Mai 2012 | Internetzeitung
 

Kommentar von Dr. Abdel-Hafiez Massud

Merkels Gedenk-Rede und die Mode der Koranverbrennung

Eine regierungsamtliche Verurteilung der letzten Koranverbrennung durch USA-Soldaten in Afghanistan dient der Verbesserung der Sicherheit der dortigen Bundeswehrsoldaten und der Integration im Inland.

Berlin (24PR-am). Im Moment der extremen Schwäche und Ohnmacht, im Moment der Kapitulation und Bankrotts sowie im Moment der selbst gemachten grandiosen Niederlage greift man zum Mord an einem Menschen, wenn die Qualitäten des Opfers deutlich höher sind als die Qualitäten des Täters. Man zerstört das Dasein einfach, weil man geistig nicht mit diesem Dasein auseinandersetzen, nicht damit Schritt halten kann. So war es beim ersten Täter der Menschheitsgeschichte Kain, der seinen jüngeren leiblichen Bruder Abel tötete.

Die Menschheit hat dieses Kain-Unrecht traurigerweise nicht nur bis heute fortgesetzt, sondern auch um die Bücherverbrennung erweitert. Und wie bei dem Mord an einem Menschen wurzelt eine Bücherverbrennung auch in der extremen Schwäche, in der Ohnmacht, in der Kapitulation und der grandiosen Niederlage vor einem stärkeren geistigen Inhalt.

Geht es bei dem Menschen um die gewalttätige Abschaffung der Existenz insgesamt, so geht es bei der Bücherverbrennung um die gewalttätige Abschaffung der überlebensfähigen Blüte dieser Existenz: des geistig Hervorgebrachten. Von dieser widerlichen Erweiterung um die Bücherverbrennung war auch Deutschland unter den un-patriotischen Nationalsozialisten 1933 getroffen, genauer das geistige Schaffen jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger war getroffen und damit auch ein Teil des geistigen Bestandes einer Nation. Urteilssichere und Unvoreingenommene wissen, Bücherverbrennung kann niemals als einen Akt der Meinungsfreiheit umgedeutet werden, insbesondere absichtliche, in Szene gesetzte herausforderende Bücherverbrennung mit gewollter symbolischer Bedeutung, die das Recht des Stärkeren demonstrieren und die Stärke des Anstandes untergraben will.

Bei der irrationalen Kühnheit, den Korantext zu verbrennen, sprich bei diesem Akt der grandiosen Niederlage vor der Stärke der Botschaft des Korans - geht es nicht nur um die Verbrennung irgendeines Buches, nicht um die Verbrennung des Schaffens irgendeines Autors. Es geht um die authentische Botschaft des Schöpfers an alle Kinder Adams, so unterschiedlich ihre Sprachen, ihre Flaggen, ihre Haut- und Augenfarben sein mögen, die Botschaft nämlich, den einzig verfügbaren barmherzigen Gott anzubeten. Dieser Einladung kann folgen, wer will. Und es kann sie ignorieren, wer ihr aus triftigen Gründen nicht folgen will.

Eine solche Botschaft, die sich mit nichts Geringerem befasst als mit dem Verhältnis «Mensch-Gott» befasst, müsste durchgehend argumentativ strukturiert sein und sie ist es auch. Wer sich mit dem Koran auseinandersetzen will, braucht nur ein Instrument, das nicht das Zündholz, sondern Vernunft heißt.

Und weil der Koran eine göttliche Botschaft an alle Menschen ist, ist er gemeinsames Eigentum aller Empfänger, auch jene grundsätzlich die sich der Annahme verweigern. Kein Volk auf Erden hat daher zwar Anspruch darauf, als exklusiver Generalagent des Korans oder des Islams aufzutreten. Gleichzeitig kann keinem Muslim dafür Vorwürfe gemacht werden, gegen die Koranverbrennung angemessen zu protestieren. Es ist kein Zeugnis schnellen Beleidigtseins, gegen Verbrennungen als Mittel interkultureller und zwischenmenschlicher Verständigung zu protestieren. Vielmehr handelt es sich um die Verantwortung, für den Schutz jedes geistigen Eigentums im globalen kollektiven Interesse sowie für die Unantastbarkeit des Heiligen einzutreten.

Da der Koran sich selbst ebenfalls als eine Art authentische Beglaubigungsurkunde des Alten und des Neuen Testamentes versteht, versäumen Christen und Juden eine große Chance zum Bekenntnis zum eigenen Glauben, wenn sie solche irrationalen Koranverbrennungen, sprich solche irrationalen Niederlagen-Handlungen, nicht schnell und mit unüberhörbarer Stimme verurteilen.

Merkels Geschenk an die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan

Auch Tage nach der Publikums- und medienwirksamen Protesten der Afghanen gegen die Koranverbrennung an dem US-Stützpunkt Bagram konnte weder seitens der deutschen Kirche noch seitens der deutschen Bundesregierung noch seitens des deutschen Bundestags eine beachtenswerte Stellungnahme dazu abgegeben werden, obwohl eine deutsche Verurteilung der Koranverbrennung im Anschluss an die Verurteilung durch die Verantwortlichen der USA leicht als Teil eines kohärenten politischen Diskurses des Westens in Afghanistan zu verkaufen wäre.

Bei der denkwürdigen Gedenkfeier für die Opfer der nationalsozialistischen Gewalt kann die Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dieser medienwirksamen großen Bühne bzw. im Anschluss daran den mehr als 5000 deutschen Soldaten in Afghanistan kein besseres Geschenk machen, als diese in Mode kommende Koranverbrennung mit deutlichen Worten zu verurteilen.

Um eine Rechtfertigung dieser unmissverständlichen Verurteilung der Koranverbrennung wäre die Bundeskanzlerin nicht verlegen: sie ist die Regierungschefin jenes Landes, in dem es geschrieben steht: nie wieder Holocaust und auch nie wieder Bücherverbrennung. Und sie ist nicht nur irgendeine Bundeskanzlerin, sondern auch ­ hoffentlich - die Kanzlerin von zugneigten mehr als 5 Millionen muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, deren gestaute Liebe zur Wahlheimat Deutschland nur nach Ventilen sucht. Und ein nicht unbeträchtlicher Teil von ihnen hat bei der Bundestagswahl 2013 auch ein Stimmrecht, das Machtpolitiker üblicherweise nicht leicht ignorieren würden.

Zudem ist es wichtig einzusehen, dass Mord an Menschen sowie Bücherverbrennung nicht mit dem Besitz einer Waffe oder eines Zündholzes beginnen, sondern mit der Propaganda- und Agitation gegen die späteren Opfer. Ein Bekenntnis zur Verantwortung für die Unterbindung solcher Hass-Agitation von der Bundeskanzlerin bei dieser bevorstehenden Gedenkfeier wäre nicht nur kultur- und sicherheitspolitisch klug, sondern von hohem Nutzen im In- wie im Ausland. Wer sich schnell beleidigt fühlt, ist auch ganz schnell und mit leichten Mitteln zu versöhnen und zu gewinnen.

Tags: Gedenkfeier Koranverbrennung Opfer NSU Politik Kommentar Koranverbrennung

 
 
 

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