Die Jahreszeit der Wahnsinnigen
Die Woche des untoten Humors
Lüdenscheid (24PR-ryji). Darf ich Ihnen mal etwas richtig Lustiges erzählen? Ich muss das vorher fragen, bitte verstehen Sie das auch durchaus als Warnung, denn ich kann nicht garantieren, dass Sie sich nicht gleich selbst vor lauter Spaß in die Hose urinieren oder sogar einen tödlichen Lachkrampf erleiden. Wer jetzt also noch weiterliest, ist selber Schuld und ich bin von jeder Verantwortung entbunden, egal was für mögliche Gesundheitsschäden dieser Entschluss beherbergt. Verabschieden Sie sich vielleicht auch erst von Ihrer Familie, mag sein, dass Sie nach Konsum des nächsten Satzes nicht mehr die menschliche Sprache beherrschen, weil Sie bis an Ihr Lebensende durchlachen müssen. O. k., jetzt kann mir wohl niemand mehr vorwerfen, dass ich Leser blind in ihr Verderben laufen gelassen habe, dann kann ich ja erzählen, was für einer Spaßoffensive ich am Donnerstag zum Opfer gefallen bin: Mir wurden die Schnürsenkel durchgeschnitten!
Wie jetzt, Sie können sich da gar nicht drüber amüsieren? Das berührt mich nun wiederum zutiefst, dachte ich doch, ich wäre die einzige Spaßbremse, die den Witz dahinter nicht verstanden hat. Aber die Damen, die sich in der Innenstadt an meinem Schuhen vergriffen haben, wirkten so aufgekratzt und überglücklich, da bin ich unwillkürlich davon ausgegangen, dass das Defizit im Begreifen des Humorpotentials dieses Vorgangs nur an mir persönlich lag. Allerdings war ich sowieso schon etwas skeptisch, da die drei Aktivistinnen stark alkoholisiert wirkten und sehr gewöhnungsbedürftig geschminkt waren, höflich ausgedrückt. Die unhöfliche Version lautet, dass ich fast meine Hand dafür ins Feuer legen würde, dass entweder bei ihrem Gesichtstapezierversuch am Morgen jemand überraschend in das zu enge Badezimmer kam, sie so die Tür während des Malvorgangs in den Rücken bekommen haben und deshalb mit der kompletten Rübe direkt im Schminkeimer gelandet sind, oder dass der Visagist ihres Vertrauens ein tollwütiger Schimpanse ist.
Aber das ist jetzt doch ziemlich gemein, denn ich weiß natürlich, worauf dieses selten lustige Erlebnis tatsächlich beruhte: Am Donnerstag war Weiberfastnacht, das ist der Tag, der die Hochzeit des Karnevals einläutet. Karneval ist übrigens ein Wort aus dem Dialekt der Jecken-Indianer, einem Naturvolk, das seine Jagdgründe in verschiedenen Regionen des Rheins hat. Frei übersetzt bedeutet es "Tage des untoten Humors". Das bezieht sich zum Einen auf die Tradition, dass in dieser Zeit nur Witze erzählt werden dürfen, die eigentlich schon seit Jahrhunderten ausgestorben sind. Zum Anderen weist es aber auch auf die Teilnehmer dieser Ersatzreligion hin, denn das sind hauptsächlich Personen, deren Humorverständnis eigentlich nicht mehr lebt, aber während des Karnevals regelmäßig auf Erden reinkarniert und dort ein gruseliges Zombie-Dasein führt, um am Aschermittwoch dann wieder für ein Jahr in sein Grab zurückzukehren.
Sicherlich wirkt dieses ganze Spektakel auf Unbeteiligte fremd und teilweise sogar bedrohlich, gerade für die eigene geistige Gesundheit, trotzdem würde ich dieses ganze Treiben nicht verurteilen und stattdessen sogar tolerieren, wenn es mir nicht so massiv gegen meinen Willen aufgedrängt werden würde.
Das fängt an mit gefühlten 3.144 sogenannten Prunksitzungen, die rund um die Uhr übertragen werden. Falls sich doch jemand diesem Terror irgendwie medial entziehen konnte, möchte ich kurz eine Zusammenfassung anbieten, was es mit diesen Sitzungen auf sich hat. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Benefizveranstaltungen für Comedians, die nicht lustig sind, aber trotzdem ihr Recht auf Arbeit erfolgreich eingefordert haben. Diese Arbeit führen sie nun vor einem sturzbesoffenen Publikum durch, das darauf konditioniert wurde, sich auf ein Tusch-Kommando hin lautstark zu amüsieren. Überwiegend findet die ganze Show in einem Dialekt statt, den kaum jemand versteht, damit keiner dahinter kommt, dass die ganze Chose eigentlich überhaupt nicht lustig ist. Die Künstlernamen entspringen meist auch diesem Dialekt und sind von neutralen Begriffen abgeleitet wie z. B. "De Blömchen" oder "De kölsche 3", da realistische Namen wie "De Hirninfokt" oder "Lustisch wie ´n Magendurchbroch" wohl doch zu selbstkritisch sind.
Das ganze Publikum ist übrigens verkleidet, warum das so ist, konnte ich bisher leider noch nicht eruieren. Der größte Teil dieser Menschen würde sich garantiert außerhalb des Karnevals in Grund und Boden schämen, wenn sie einen geistigen Rücksturz in die Grundschulzeit erleiden würden und sich daraufhin als Braunbär, Cowboy oder Astronaut kostümieren müssten, sie würden Betroffene wohl sogar bei der nächsten Polizeidienststelle melden, falls sie diese in Fußgängerzonen anträfen. Aber zur Zeit des Karnevals scheint dieses Verhalten nicht nur völlig normal, es werden sogar Leute wie ich als humorlos dargestellt, nur weil sie diesen Aktionen ratlos gegenüberstehen und eine Pappnase nicht plötzlich als Olymp der guten Laune empfinden.
Neben diesen Prunksitzungen werden auch Karnevalsumzüge übertragen. Bei diesen handelt es sich um Mutproben der Jecken-Indianer, in denen es darum geht, gefühlte Ewigkeit an irgendwelchen Straßen zu stehen und mobile Plattformen an sich vorbeiziehen zu lassen, auf denen die Hohepriester des jeweiligen Stammes rumzappeln und die Wartenden rituell mit Süßigkeiten bombadieren. Dabei wird auch stolz der technische Fortschritt des vergangenen Jahres präsentiert, indem man große, teilweise bewegliche Figuren auf den Wagen drapiert und vom Volk bewundern lässt. Ein echter Jecken-Indianer ist man nur, wenn man es tatsächlich schafft, alle Wagen an sich vorbeiziehen zu lassen, dabei nicht einschläft oder gelangweilt nach Hause geht, sich obendrein sogar noch künstlich amüsiert und so tut, als wäre dieser Vorgang auch nur annähernd komisch. Da natürlich kein normaler Mensch dieser Aufgabenstellung gewachsen ist, sind auch bei diesen Umzügen alkoholische Getränke nicht nur erlaubt, sondern sogar ausdrücklich angeordnet. Wer jetzt übrigens darauf verweist, die Karnevalszeit auch nüchtern zum Brüllen lustig zu finden und sich dabei königlich zu unterhalten, hat sehr wahrscheinlich ein noch viel größeres Problem als Alkoholismus.
Aber leider ist dieses Schauspiel nicht nur auf die öffentlichen Fernsehsender und Fußgängerzonen beschränkt, viele Radiosender erklären sich auch solidarisch und spielen plötzlich Lieder wie "Die Karawane zieht weiter", eine sozialkritische Ballade über einen Orientalen, der Probleme mit seiner aktuellen Drogenlieferung hat und deshalb von Entzugserscheinungen geplagt wird. Interessanterweise ist das vielen Moderatoren anscheinend selber ziemlich peinlich, denn sie entschuldigen sich für fast jeden dieser musikalischen Offenbarungseide und werden nicht müde, auf Aschermittwoch und den damit verbundenen Wiedereinzug von "richtiger" Musik zu verweisen.
Schön ist das für Unbeteiligte alles nicht, denn diese müssen sich wirklich sehr anstrengen, um am Karneval vorbeizukommen. Irgendwie schaffe ich dieses Kunststück aber Jahr für Jahr, nur um mir dann das Restjahr wieder von Vorgesetzen anzuhören, dass ich langsam aus dem Alter für Wrestling-T-Shirts raus bin und mir doch mal Gedanken über Anzüge und Krawatten machen sollte, da sowas einfach seriöser wirkt. Dürfen dieses Wort eigentlich tatsächlich Menschen in den Mund nehmen, von denen aktuelle Bilder als Eskimo oder männliche Bauchtänzerin existieren? Faszinierend. Aber ich bleibe dann wohl doch lieber bei meiner selbst gewählten Garderobe, trotzdem danke für die Anfrage.
Tags: Karneval Prunksitzung Umzug Kostüm Leute Kritik Prunksitzungen
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