Dienstag, 15. Mai 2012 | Internetzeitung
 

«Integration und Religion»

Die Kolumne von Dr. Abdel-Hafiez Massud

Die Gottesfrage ­Herausforderung Nr. 1 für alle Theologien

Eine brauchbare Theologie für die Menschen soll als erstes die elementaren Fragen danach, ob es Gott gibt und WER Gott ist, jederzeit beantworten können.

Berlin (24PR-am). Die Eröffnung eines wissenschaftlichen Zentrums für Islamische Studien an der Universität Tübingen durch die Bundesbildungsministerin des religionsneutralen deutschen Staates bringt das Thema Theologien stärker ins Gespräch. Nicht nur die islamische «Theologie», die für die deutsche Universitätslandschaft nach den seit Jahrhunderten etablierten Islamwissenschaften nicht ganz neu ist, sondern auch die christliche und die jüdische. Nun sind alle da, die christliche, die jüdische und nun auch die islamische. Und für alle gilt, anders als für Atheisten: es gibt Gott. Wozu brauchen wir überhaupt Theologien, ob in oder außerhalb Deutschland?

Aber wer sind «wir» eigentlich? Wir vorrangig als Menschen mit der einen gemeinsamen göttlichen Herkunft und mit der zwangsläufigen Rückkehr zu dieser göttlichen Urquelle. Auch wir als Menschen in der Organisation namens «Gesellschaft», egal in welcher. Ja, auch wir als Menschen, die in jenem Verband namens «Staat» organisiert sind, egal in welchem.

Auch der Staat fragt sich, wozu braucht man die islamische Theologie als eine dieser Theologien und gibt zugleich die Antwort für sich selbst, die als Auftrag an den Universitätsbetrieb für islamische Theologie verstanden werden soll. Als «Meilenstein der Integration» bezeichnete die deutsche Bundesbildungsministerin Schavan die Aufgabe der islamischen Theologie und verweist indirekt darauf, dass die islamische Theologie heutigen universitären Zuschnitts in Deutschland ihre unerwartete Existenz eigentlich einem «gesellschaftlichen Problem» verdankt. Die islamische Theologie wird somit zu einem vorläufigen FunktionsInstrument der gesellschaftlichen Politik. Es ist natürlich einem jeden Staat frei überlassen, zu bestimmen, für welche Zwecke er sein Geld ausgibt bzw. die Orientierung der von ihm finanzierten Projekte ganz oder teilweise zu bestimmen.

Nun wie wir dem Geld ein Selbst- und Mitbestimmungsrecht frei einräumen, würden wir unfair handeln, wenn wir dem Menschen das Bestimmungsrecht über sich selbst wegnähmen.

Der Mensch ist an die beiden Organisationen «Gesellschaft» und «Staat» solange gebunden, wie die Frist seines Lebens auf dieser Erde dauert. So wie der Mensch die Schwelle des Lebens aber als Ausdruck des göttlichen Willens ohne Bindung an Kultur, Staat und Gesellschaft betreten hat, enden mit seiner Rückkehr zur göttlichen Urquelle auch jegliche Bindung an diese Organisationen. In der Zirkulation Mensch sind die Organisationsformen «Staat» und «Gesellschaft» nur kurzweilige Abschnittsbegleiter.

Das hat zur Folge, dass der Anspruch des Menschen an Theologien, ob islamisch, christlich oder jüdisch, ein höherer ist als der Anspruch des Staates, wobei der Anspruch des Menschen den Anspruch des Staates in sich souverän integriert, was umkehrt nicht der Fall ist. Und weil der Anspruch des Menschen an Theologien so ist, wie er nun mal ist, agierten alle Propheten der Menschheitsgeschichte weder als Diplomatische Gesandte an Staaten noch als gesellschaftliche Politiker im religiösen Akademikergewand, sondern als menschliche Gesandte an Menschen.

Die Kardinalfrage all dieser Propheten war die Frage danach, ob es Gott gibt und WER Gott eigentlich ist, dem wir unsere gemeinsame menschliche Herkunft verdanken und zu dem die Rückkehr ist. Das war quer durch die Menschheitsgeschichte die Existenzfragen, auf die Menschen eine klare vernünftige übersichtliche Antwort brauchten und bis heute immer wieder brauchen. Die WIE-Frage Gottes stand immer an zweiter Stelle. Denn bevor Menschen wissen sollten, dass Gott derjenige ist, der Barmherzigkeit und Liebe ist, haben Menschen einen legitimen Anspruch darauf, zu wissen, WER eigentlich Gott ist, dem wir die ganze Existenz ja verdanken. Natürlich kann das WIE in einem späteren Schritt als Zusatzelement bei der Beschreibung des göttlichen Wesens hinzukommen.

Nun existieren auf unserer heutigen Erde keine Propheten mehr und keine bestimme höchstgöttlich legitimierte Persönlichkeit, die für ALLE Menschen eine glaubwürdige religiöse Autorität darstellt. Heute sind nur die göttlichen Botschaften aller Propheten übrig geblieben ­ mit freiem Zugang für alle Menschen. Verwaltet wird dieses Erbe von den Gelehrten einer jeden Theologie. Anders ausgedrückt, verantworten die Gelehrten heute das gottverliehene Erbe dieser Propheten allein. Die hauptsächlichen Erben können dieses prophetische Erbe ohne die von den Propheten gesetzte Priorität, ohne die Klärung der Gottesfrage für die interessierten Menschen, unmöglich fruchtbar verwalten. Die göttliche Instanz muss zuerst identifiziert und den Glauben daran vollendet werden, bevor alle anderen Verhaltensformen in Konformität mit dieser Instanz gezielt gesteuert werden können. Es handelt sich bei dieser Rolle der Propheten und Gelehrten keineswegs um die Bevormundung des freien Menschen, sondern um einen Hilfsbeitrag für diesen bei der eigenen selbständigen Identifizierung Gottes, von dem berechtigterweise anzunehmen ist, dass er sich ja nicht versteckt, sondern sich permanent zu erkennen gibt.

Die Klärung der Gottesfrage sollte von allen kritischen vernunftorientierten Theologien übernommen werden. Diese Frage bietet der jüdischen, christlichen und islamischen Theologie auch gute Chancen für die redlichen vorurteilsfreien wissenschaftlichen Kooperationen jenseits der engstirnigen unwissenschaftlichen eifrigen Konkurrenz um den Schutz und Erhalt alter Reviere. Wenn beispielsweise Atheisten auf den Plan träten und Gottesexistenz verneinen, dann ist die jüdische, christliche und die islamische Theologie gleichermaßen aufgefordert, dazulegen, warum es doch Gott gibt und WER Gott ist.

Bei der Vernachlässigung dieser identifizierenden Gottesfrage laufen die Theologien Gefahr, von den Menschen ignoriert zu werden, was auch dazu führen könnte, dass sich Menschen viele, ganze viele unterschiedliche Götter anlegen, was zu vielen, ganz vielen Parallelgesellschaften führt und die Integration unerreichbar, ganz unerreichbar macht.

Allein das gemeinsame Interesse daran, die Frage zu klären, WER Gott ist, bindet, führt zusammen, schafft schon einen gemeinsamen Boden für das Erkenntnisinteresse und hilft dem mutigen staatlichen religions-neutralen «Kaiser» auch natürlich nachhaltig bei der Integration der Menschen.

Tags: Integration Gott Islam Judentum Christentum Kultur Kolumne Religion Theologie

 
 
 

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