Sonntag, 13. Mai 2012 | Internetzeitung
 
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Die Erben des Rippers

Fünf Freiheiten, die einen Massenmord gesellschaftskompatibel machen sollen

Lüdenscheid (24PR-ryji). Jack the Ripper eignete sich nicht als Kindergärtner. Zugegeben ist das eine Aussage, die ich aus einem persönlichen Bauchgefühl heraus und ohne wasserdichte Indizien in den Raum stellen muss, da dieser Mann niemals die Chance hatte, auf diesem Sektor sein möglicherweise vorhandenes Talent zu beweisen. Trotzdem denke ich, dass ich da mit der Meinung der breiten Masse konform gehe. Worauf basiert aber diese allgemeine Vorverurteilung inklusive Aberkennung diesbezüglicher sozialer Kompetenz? Spontan tendiert man sicher dazu, seine blutige Mordserie für diesen Berufszweig als bewerbungsproblematisch anzugeben. Aber das ist doch recht kurz gedacht, denn heutzutage gehen ganz andere Mordserien als absolut gesellschaftsfähig durch, gegen die der Herr Ripper als komplett amateurhafter Hobbyschlachter dasteht. Was diesem Mann damals gefehlt hat, waren nur die richtigen Imageberater. Hätten sich solche Leute wie heutzutage üblich tagein, tagaus damit beschäftigt, seine Taten nicht nur zu verniedlichen, sondern sogar als normal und als Kirsche auf der blutigen Torte sogar von den Opfern erwünscht darzustellen, hätte dieser Psychopath in der Gegenwart garantiert eine völlig andere Vita aufzuweisen als die historisch zementierte.

Als Beispiel für diese These kann man ohne weiteres die ziemlich krank anmutende Kopfgeburt zu Protokoll geben, die findige Manager eines großen Fleischkonzern ganz aktuell verbrochenß Entschuldigungß ausgetüftelt haben. Hierbei handelt es sich um 5 Garantien, die einen Massenmord gesellschaftskompatibel machen sollen. Nehmen wir uns doch mal die Zeit und gehen diese Proklamation Punkt für Punkt durch, schon alleine um zu sehen, was der irre Messerartist anno tuck genau falsch gemacht hat und sich so genauso dusselig wie unnötig andere Berufszweige verbaut hat. Ich möchte die Leserschaft bitten, dabei im Hinterkpf zu behalten, dass diese 5 sogenannten "Freiheiten" tatsächlich die Grundlage für ein neues Gütesiegel bilden, so pervers sie auch klingen.

Die erste "Freiheit" lautet: "Frei von Hunger, auch Fütterungsfehlern und Durst."

Dieser Punkt soll tatsächlich als Legitimation für einen Mord herhalten. Das alleine wäre schon bedenklich genug, allerdings kommt in diesem Fall noch dazu, dass wir hier von Mastbetrieben sprechen. In solchen Lagern geht es sowieso hauptsächlich darum, dass die Tiere möglichst schnell möglichst viel Fleisch ansetzen, um so möglich zeitnah hingerichtet werden zu können. Das dieser Mastvorgang sowieso nur funktioniert, wenn das Tier nicht hungert, liegt dabei auf der Hand. Aus diesem widerlichen Hauptinteresse der Fleischindustrie aber sogar noch einen Punkt für ein Tierschutzsiegel zu kreieren, ist an Zynismus wohl nicht mehr zu überbieten.

Jack the Ripper hätte dieser Punkt aber natürlich bei seiner Suche nach Legalität seiner Taten in die Karten gespielt, denn viele Theorien gehen davon aus, dass dieser Mann nicht arm gewesen ist. Manche behaupten sogar, dass er zum damaligen Adel gehörte. Wenn dem so war und eine Sättigung tatsächlich einen Mord ethisch rechtfertigen kann, dann wäre es sicher kein Problem gewesen, dem jeweiligen Monatsopfer vor dem finalen Schnitt noch ein üppiges Abendbrot zu spendieren. Vielleicht sogar mit einem Glas Chianti, fffffffff... Hups, falscher Serienkiller, sorry...

Wir überspielen den kleinen Faux-Pas geschickt, indem wir zur 2. Freiheit kommen: "Frei von Unbehagen durch ungeeignete Unterbringung."

Auch ein mehr als interessanter Punkt. Woher weiß wohl ein Schweinemörder, was seine Opfer als geeignet empfinden? Bewohnt er seine Anlagen erst selbst ein paar Wochen, bevor er dieses Hotel der Qualen dann aufmacht? Irgendwie kann ich mir das nur sehr schwer vorstellen. Stutzig macht mich auch, dass in der Siegel-Beschreibung angegeben wird, dass bei dieser Ausbeutung bisher 60 Landwirte mitmachen, die 350.000 Schweine zuliefern wollen. Jetzt ist Kopfrechnen nicht unbedingt eine Stärke von mir, aber selbst ich komme dann durch eine simple Division darauf, dass somit jeder dieser Landwirte mehrere Tausend Schweine unterzubringen hat. Und bei dieser Masse soll die "geeignete" Unterbringung nicht leiden? Wieviel Hektar Land steht denn diesen Tierfreunden zur Verfügung, um das zu garantieren? Sprechen wir hier von der Anmietung ganzer Bundesländer? Meine Erdkundekenntnisse sind noch katastrophaler als meine Mathematikkünste, trotzdem bin ich mir sicher, dass Deutschland gar keine 60 Bundesländer hat. Weicht man also nach Resteuropa aus?

Fragen über Fragen, dafür muss man aber diesen Punkt im Ripper-Fall nur kurz anreissen. Seine Opfer waren ja sowieso nicht ortsgebunden noch wurden sie irgendwo festgehalten, wenn also eine geeignete Unterbringung aus ethischer Sicht Tür und Tor für einen Mord öffnet, dann könnte der irre Massenmörder sowieso das Messer kreisen lassen, wie es ihm beliebt. Er müsste nur aufpassen, keinen Obdachlosen zu erwischen, das dürfte mit ein bißchen Konzentration durchaus zu schaffen sein.

Freiheit Nr. 3 wird jetzt richtig makaber:

"frei von unnötigem Schmerz, von Verletzung und Krankheit"

Was genau ist unter unnötigem Schmerz zu verstehen? Bei einer Schlachtanlage geht es darum, Lebewesen einzukasernieren, sie zu mästen und sie umzubringen, laufen solche Vorgänge unter "nötigen Schmerz"? Ich glaube, mir wird schlecht... Außerdem würde es mich auch brennend interessieren, wie man jemanden umbringt, ohne ihn zu verletzen. Wird dem Schlachtvieh "Tokio Hotel" vorgespielt, bis sie zusammenbrechen? Liest der Schlachter aus einem Fips-Asmussen-Buch vor? Werden den Tieren Nacktfotos vom Metzger gezeigt? Sehr rätselhaft, genauso wie die garantierte Freiheit von Krankheiten. So eine Garantie ist ja in einem Mastbetrieb mindestens soviel Wert wie die Versicherung, dass Freiherr von Guttenberg ein ehrlicher Mensch ist, sie ist also eine reine Utopie. Wie kann man aber aus sowas einen Grundsatz für ein Gütesiegel machen?

Jedenfalls hätte sich unser Jack auch über diese Freiheit sehr gefreut, denn wenn er als Schlächter selbst entscheiden darf, welcher Schmerz nötig ist, der Todesschnitt nicht als Verletzung gilt und ansonsten nur gewährleistet sein muss, dass das Opfer auf dem Papier gesund ist, dann steht einem Blutbad ethisch gesehen absolut nichts im Weg. Schon praktisch, wenn der Henker gleichzeitig auch Richter ist.

Freihei Nr. 4 ähnelt dem 3. Punkt sehr stark, sowohl von der Perversität als auch von der Logik. Sie lautet: "Frei von Angst und vermeidbarem Leiden."

Auch hier stolpert man wieder über das Wort "vermeidbar". Ich würde mich jetzt mal ganz frech hinstellen und behaupten, dass das komplette Leid des Schlachtviehs vermeidbar ist, indem man einfach die Zucht dieser armen Wesen einstellt und auf ihre Kadaver verzichtet. Da kann mir noch nicht mal jemand logisch widersprechen, denn das Fleisch nichts Lebenswichtiges darstellt, beweisen Millionen Veganer weltweit. Die in Aussicht gestellte Angstfreiheit ist so widerlich, dass sich mir schon allein beim Gedanken die Nackenhaare aufstellen. Da werden also Wesen ihr Leben lang gefangen gehalten, um irgendwann aus ihren Familienverbund herausgerissen zu werden, sofern sie überhaupt so etwas bilden dürfen, sie werden nacheinander hingerichtet, bei manchen Todesarten hören sie sogar noch die finalen Panikschreie ihrer Artgenossen und diese ganze Tragödie möchte die Schlachtindustrie nun auch noch als angstfrei dargestellt wissen? Mir fehlen die Worte, um diesen scheußlichen Gedanken zu kommentieren.

Jack the Ripper würde diese Angstfreiheit aber wiederum stark entgegenkommen. Laut Punkt 1 müsste er dem Opfer ja sowieso ein Essen spendieren, über diese Geste würde sich dieses definitiv freuen. Also dürfte er bloß nicht vorschnell erzählen, wen genau er als blutiges Dessert im Sinn hat, geschieht der Mord dann auch noch von hinten, müsste die Angstfreiheit absolut gewährleistet sein. Darüber, ob das Leid vermeidbar ist, entscheidet ja anscheinend wieder der Schlächter, demnach stellt dieser Punkt also auch keine ernstzunehmende Hürde beim Amoklauf seiner Wahl dar.

Die finale Freiheit bildet dann auch erwartungsgemäß den ekeligen Höhepunkt dieser Horroraufstellung: "Frei, sich tiergemäß, d.h. dem Nutztier angepasst, verhalten zu können"

Zuerst nehmen die Schlächter also das Wort "tiergemäß" in ihre Erklärung auf, wahrscheinlich nur, damit dieses hübsche Wort untergebracht wurde, nur um es dann sofort zu relativieren. Denn "tiergemäß" bedeutet natürlich "dem Nutztier angepasst". Und wie verhält sich ein Nutztier? Eben so, wie es für den Schlächter am wirtschaftlichsten ist. Auf keinen Fall verhält es sich tiergemäß, denn seine Definition umfasst ja erstmal den Nutzen und dann erst das Tier. Wie praktisch...

... auch für den irren Serienkiller. Denn auch dieser muss dann nur noch darauf achten, dass sich das Opfer zwar "menschengemäß" verhält, aber gleichzeitig kann er darauf verweisen, dass dieses Verhalten dem Mord angepasst ist. Und darauf gibt sicher jeder Psychopath sein Wort, er wird sogar von vorneherein seine Tat dementsprechend durchplanen.

Wie anfangs bereits erwähnt sind diese Freiheiten die Grundlage für ein neues Gütesiegel, das jetzt auf so manche verpackte Leiche geklebt wird, damit der Endverbraucher mit gutem Gewissen zugreifen kann. Was hätte so ein Siegel damals Scotland Yard für Ermittlungsarbeit ersparen können. Jack the Ripper hätte einfach jeder Prostituierten einen lustigen Aufkleber direkt auf die Stirn drapieren können, und schon wäre klar gewesen, dass keine Nachforschungen vonnöten sind. "Artgerecht geschlachtet, dafür stehe ich mit meinem guten Namen, MfG, Jack the Ripper". Vielleicht noch abgerundet mit einem lustigen Smiley oder einem lächelnden Messer.

Tja, nun ist Jack the Ripper aber schon seit langem tot und so bekommt er gar nicht mehr mit, was seine Urenkel ihm heutzutage für ein traumhaftes Arbeitsklima schaffen. Wären die ganzen ßberlegungen nicht so unglaublich pervers und lebensfeindlich, dann könnte man fast ein bißchen Mitleid haben. Dieser Mann wird auf ewig als psychopathischer Massenmörder in den Annalen stehen bleiben, während seine legitimen Nachfolger trotz immens höheren Blutzoll gesellschaftlich voll akzeptiert sind. Gerecht ist das nicht, aber das ist halt der Vorteil von gewieften Imageberatern.

Tags: Freiheit Tierschutzsiegel Jack the Ripper Leute Kommentar Tierschutz Freiheiten

 
 
 

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