Dienstag, 15. Mai 2012 | Internetzeitung
 

Kommentar von Dr. Abdel-Hafiez Massud

Der islamische Frühling, die neue deutsche Chance am Mittelmeer

Der arabische Frühling ist in Wirklichkeit ein islamischer Frühling. Gut ausgenützt, kann der islamische Frühling in einen blühenden deutschen Frühling verwandelt werden.

Berlin (24PR-am). Unter dem umstrittenen Namen «Arabischer Frühling» ist der politische «islamische Frühling» in Ländern wie Tunesien, ëgypten, Jemen und Syrien bekannt geworden. Die treibende Kraft und der Lebensgeist dieses Frühlings ist nicht arabischer, sondern rein islamischer Natur und Kultur. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Geburtswehen dieses Frühlings in den allermeisten Fällen an Freitagen und nach Feiertagsgebeten stattgefunden haben, sondern auch und vor allem mit dem islamischen Glauben, der tief in den Herzen der mobilisierten und mobilisierenden Revolutionäre sitzt. Denn niemand bietet einer verbrecherischen Todesmaschinerie der gestürzten Diktaturen die Stirn, ohne dass er weiß, dass er mindestens so stark ist wie die Repressalien dieser Diktaturen. Diese Stärke schöpften sie aus ihrem Glauben. In Wirklichkeit betrachteten sich die arabischen Revolutionäre gar stärker als jede Kraft der jeweiligen Diktatur. Und dies dank der Überzeugung, dass sie für das Recht aufgestanden sind und dass auf Ihrer Seite der Herr aller Welten, ALLAH, ist. Allein dies machte das willige Märtyrertum für das Recht zu «einem bewussten Akt der Lebensnormalität». Diese psychologische Konstellation ist auf unserer Erde einmalig und einzigartig und kann in nicht islamischen Ländern kaum Wirklichkeit werden, zumal diese psychologische Konstellation selbst die damals «disziplinierten» islamischen Organisationen in diesen Ländern sichtlich überrascht hat. Auch ist diese Konstellation nur bedingt mit der Situation der DDR-Revolutionäre nur bedingt zu vergleichen. Diesen Glauben zu haben stellt die höchste Motivation überhaupt dar. Eine solche Motivation war weder auf der Seite der Führungen der gestürzten Diktaturen, noch auf der Seite ihrer Handlanger.

Diese Entladung der islamischen Masse auf diese Art und Weise bedeutet aber auch, dass die revolutionäre Kraft des Islams unter dem Joch dieser langjährigen Diktaturen keineswegs erloschen war, auch wenn die vielen Verbalnoten, emsigen diplomatischen Gesandten und die gleichgeschalteten Massenmedien der gestürzten Diktaturen es mitunter geschafft hatten, die Weltöffentlichkeit davon zu überzeugen, dass «islamisch» Synonym für «islamistisch und terroristisch» ist und dass dies in Arabien nur eine «abweichende Minorität» darstellt, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. In Wirklichkeit «regierte» der Islam in Arabien, selbst während der Zeit dieser Diktaturen, die innenpolitisch ihre unpopulären Ziele nur dann durchsetzen konnten, wenn sie diesen einen islamischen Beigeschmack» gaben. Wie oft hatte sich der gestürzte libysche Diktator als «Gebets-Imam der Massen» und als «Koran-Memorisierer der besonderen Art» versucht, um das eigene Volk von seiner Frömmigkeit zu überzeugen? Wie viele italienische Models hatte Gaddafi dazu eingeladen, den Islam anzunehmen? Wie oft hatte sich der gestürzte ägyptische Präsident im Inland seine Frömmigkeit betont und alljährlich die «Nacht der Bestimmung» mitgefeiert? Wie oft hatte er Preise für jene Koranschüler ausgeliehen, die ihm später zugerufen haben: Heraus aus dem Schloss, Millionen von Märtyrern stehen hier ohne Geschoß? Keine Frage, der Islam ist und war immer da als bewegende Kraft.

Die jüngsten politischen Wahl-Gewinne der im Zug des islamischen Frühlings spontan gegründeten islamisch ausgerichteten Parteien in der Türkei, in ëgypten, in Tunesien und bald in Libyen sind in Wirklichkeit nicht auf die Qualität der politischen Programme, nicht auf das hohe Wahlkampf-Budget und nicht auf die innovativsten amerikanischen Wahlkampfmethoden dieser islamischen Parteien zurückzuführen, sondern darauf, dass es keine anderen Parteien gibt, die der islamischen Psyche am nächsten kommen als diese Parteien. Die verwundete islamische Psyche der Massen hat zu sehr unter einem aufgezwungenen kruden übertriebenen Säkularismus gelitten und will heute von säkularen Parteien nichts mehr wissen. Es nimmt daher nicht wunder, wenn in einem und demselben arabischen Land mehrere islamische mit einander konkurrierende Parteien gleichzeitig aktiv sind und gleichzeitig von der islamischen Wählerschaft bejaht und bestätigt werden. Die unterschiedlichen Namen dieser islamischen Parteien stellen nur formale Wortspiele dar.

Diese neuen demokratischen Wahlen in diesen Ländern stellen eine Vollendung des politischen Reifeprozesses für diese islamischen Länder dar. Die häufig in der westlichen Presse kursierende Annahme, dass die neuen islamischen Bewegungen in den arabischen Ländern keine Ahnung von den Aufgaben einer Staatslenkung haben und dass sie nur mit dem dürftigen schleierhaften Slogan «Islam ist die Lösung» aufzuwarten wissen, stimmt nicht. Denn die Muslimbruderschaft in ëgypten z. B. kann auf mehr als ein Jahrhundert politische Oppositionsarbeit zurückblicken, wo sie ständig alternative bereichsübergreifende Konzepte zur jeweiligen Politik entwickelte. Die islamischen Parteien in Arabien waren keine deutsche Piratenpartei, die nur für die Freiheit im Internet auftritt und auf allen anderen Politikfeldern bislang keine fundierten Konzepte oder mindestens durchdachte Meinungen mit Konkurrenzwert vorzuweisen weiß. Die massive Unterdrückung der Muslimbruderschaft in der Vergangenheit war nur eine höchstamtliche Anerkennung ihres politischen Gleichgewichts, wenn nicht ihres höheren Gewichtes als die jeweiligen Systeme. Zudem gehen Elemente des erprobten guten Regierens mit islamischer Note aus Ländern wie der Türkei in die künftige Politik der Länder wie Tunesien und ëgypten ein, was den deutschen Bundesaußenminister kürzlich dazu veranlasste, diese Parteien mit der deutschen CDU zu vergleichen. Angst vor diesen neuen islamischen Parteien zu haben, ist daher bislang unbegründet; Angst vor ihnen zu schüren ist auch kein optimaler Zugang zur Kenntnis und zur Urteilssicherheit. Diese Parteien nützen einfach die Gunst der Stunde und dürfen endlich ihren Durst nach Macht stillen. Ihnen ist aber auch klar, dass diese Machtergreifung für sie angesichts einer mündigen revolutionären Masse und der weltweiten Beobachtungsenergie von außen die härteste Feuerprobe ihrer Geschichte darstellt.

Konsequenzen für die deutsche Innen- und Außenpolitik

Gerade das macht diese Parteien als internationale Kooperationspartner interessant, zumal viele mit großen Wiederaufbau-Herausforderungen konfrontiert sind. Keine Frage, es war für die westlichen Regierungen sehr bequem, statt mit 80, mit 30 oder mit 7 Millionen mit nur einem einzigen Götzen und seinen ungestümen selbsternannten Thronnachfolgern umzugehen, um westliche Nationalinteressen wahrzunehmen.

Diese Frage, mit wem man im islamischen Arabien zu tun hat, ist nicht sekundär; schließlich geht es in dieser Region um mehr als 200 Millionen Einwohner mit hoher Lebenserwartung, die noch dazu geographische Nachbarn und Wirtschaftspartner sind. Genauso wie die transatlantischen und die europäischen Beziehungen zu den Grundfesten der deutschen Politik gehört, sollten die Beziehungen zur islamischen arabischen Region ebenfalls zu diesen strategischen Grundfesten gehören. Auch mit seinen mehr als 5 Millionen Muslimen als Mitbürgern in Deutschland kann es der deutschen Politik nicht egal sein, mit wem und wie man mit den neuen Machthabern in der arabischen Region zu tun hat.

Die allererste Lehre aus dem islamischen Frühling Arabiens ist die Einsicht, dass die islamische Psyche nicht über Vereine und Organisationen zu lenken ist, sondern nur unmittelbar.

Die deutsche Politik gegenüber Muslimen und dem Islam in Deutschland soll sich weiter entwickeln, um im viel versprechenden und in der Regel dankbaren islamischen Ausland zu einem wertvollen Türöffner für deutsche Interessen zu werden. Solange ständig in Deutschland von «Integration der Muslime» die Rede ist und diese Rede gepflegt wird, wird an dem Bild einer gespaltenen Gesellschaft festgehalten und das Zusammenwachsen der islamischen und nicht islamischen Bürger verhindert und verzögert. Die Rede von «Integration» kann nur dort aufhören, wo uneingeschränkte Teilhabe von allen an allem (Wesentlichen) zur unaufgeregten Normalität gehört.

Vollumfängliche rechtliche Anerkennung des Islams

Zur Weiterentwicklung der Islampolitik zählt auch die überfällige vollumfängliche rechtliche Anerkennung des Islams als Religionsgemeinschaft; schließlich geht es ja heute um das Anliegen von 5 Millionen Menschen, die die Bevölkerung von zwei Bundesländern ausmachen würden. Einem Land, zu dessen Geschichte der Fall der Berliner Mauer und die Abschaffung der genetischen Herkunft als Einbürgerungsprinzip zählen, ist zuzumuten, dass es sein Kirchenrecht der gesellschaftlichen Realität im Inland und den internationalen Entwicklungen anpasst und den Islam eines hoffentlich nicht fernen Tages rechtlich anerkennt und dieses Thema nicht innerparteilichem Opportunismus überlässt. Wie kann Deutschland mit einem Partner zusammenarbeiten, den es nicht anerkennt?

Mitgliedschaft Deutschlands in der Organisation der Islamischen Konferenz

Und wenn islamische Winzlinge wie z. B. Qatar Mitglieder in der Organisationen der Islamischen Konferenz sind, dann hat es die Bundesrepublik Deutschland nicht schwierig, mit seinen 5 Millionen Muslimen und in Kohärenz mit ihrer bisherigen rein westlich orientierten Politik die volle Mitgliedschaft in dieser Organisation zu werden und engere Beziehungen mit islamischen Ländern zu pflegen. Deutschland begeht dadurch keine Apostasie. Dabei beträte die deutsche Politik auch kein Neuland. Schon die Erfahrungen aus den europäischen Assoziierung-Abkommen mit den Mittelmeer-Anrainern bieten ein hohes Potential zum Ausbau dieser Beziehungen.

Erst der aufrichtige überzeugte Gang in diese Richtung kann zur erfreulichen Folge haben, dass aus dem islamischen Frühling ein deutscher Frühling wird.

Tags: Islam Integration Mittelmeer Politik Kommentar Auußenpolitik

 
 
 
 
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